KOMMENTAR

Rolling Starts im Ironman sollten seit dieser Saison einfachere, stressfreie Schwimmstarts für Anfänger und schlechte Schwimmer ermöglichen, sowie schnellere Zeiten und mehr Sicherheit garantieren. Ironman, einfacher und stressfrei– ist das denn nicht ein Widerspruch? Oder wird das nun eher dem Zeitgeist gerecht, dass alles immer benutzerfreundlicher und weniger anspruchsvoll wird? Oder geht es vielleicht einzig darum der Verantwortung der Wettkampforganisatoren gerecht zu werden, welche sich angeblich Sorgen um die Sicherheit der Athleten und deren Wohlbefinden machen? Ich kann den Standpunkt eines Wettkampforganisators durchaus nachvollziehen, nachdem es in den letzten Jahren bedauerlicherweise zu einzelnen tragischen Unglücken während des Schwimmens kam. Jedoch hätte bei allem Mitgefühl auch ein Rolling Start diese Unfälle kaum verhindern können. Mir drängen sich aus sporwissenschaftlicher Sicht viel mehr andere Fragen auf: Sollte zukünftig wieder die Tauglichkeit der Athleten vor solchen extremen Belastungen besser überprüft werden? Wie vertragen sich bedingungsloses Wachstum mit Extremsportarten, wie Ironman ohne dass dabei der Triathlon und die Triathleten langfristig auf der Strecke bleiben? Welche Auswirkungen haben Rolling Starts auf Taktik und Renndynamik eines Ironman?

Ein Rolling Start im Ironman oder Triathlon kann das Schwimmen in gewisser Art und Weise stressfreier und einfacher machen. Gerade für Einsteiger und schlechte Schwimmer, welche vor der Waschmaschine während des Massenstarts von 2000 Triathleten großen Respekt oder gar Angst haben. Aber sollten wir deshalb wieder zurück zu den Anfängen unseres Sports kehren und von jedem Teilnehmer eines Ironman verlangen, seine Qualifikation mittels eines erfolgreich absolvierten Halbmarathons nachzuweisen? Es würde den Organisatoren eines Ironman natürlich garantieren, dass alle Athleten eine gewisse Grundlagenausdauer mitbringen. Angesichts des hohen Zustroms an Triathlon Neulingen könnte es zugleich deren Selbsteinschätzung und triathlonspezifischen Fähigkeiten verbessern. Schließlich startet bisher ein Großteil dieser Newbies nach wie vor ohne jeglicher Wettkampferfahrung. Es kann allerdings nicht die Aufgabe der Wettkampforganisatoren sein, die gesundheitlichen Voraussetzungen sämtlicher Athleten vor dem Start zu prüfen und wäre in der Realität auch schwer umzusetzen. Immerhin startet jeder aus freien Stücken bei einem Triathlon und trägt selbst die Verantwortung für sein Handeln. Aber sind Rolling Starts der Heilsbringer?



ROLLING STARTS VERÄNDERN DIE RENNDYNAMIK

Wer einmal selbst den Massenschwimmstart tausender Triathleten gesehen hat, versteht den Kult um die Ironman-Rennen und möchte das weder als Zuschauer noch als Athlet missen. Es ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir uns letztendlich für diese Tortour anmelden? Wenn also in Zukunft nur noch Rolling Starts durchgeführt werden, dann geht dieser Teil des Kults verloren. Ebenso geht dadurch der direkte Vergleich mit den Leidensgenossen deiner Altersgruppe verloren. Dein unmittelbarer Konkurrent könnte zehn 10 Minuten hinter oder vor dir starten und du hättest keine Ahnung, wo er sich oder du dich während des laufenden Rennens befindet. Wie sollen die schnellsten Triathleten einer jeden Altersklasse dann noch im direkten Duell und fair, um die wenigen begehrten Qualifikationsplätze für Kona kämpfen? Und das in einer Zeit, in der die Leistungsdichte noch weiter zunimmt. Ich kann mir gut vorstellen, würde man Rolling Starts auch bei den Profis einführen, dass das zu einer gänzliche anderen Renndynamik führen würde. Der Vorteil durch den Wasserschatten im Schwimmen und den Windschatten beim Radfahren wäre wesentlich geringer und das Ergebnis würde dadurch ziemlich sicher dramatisch anders aussehen.



EIN IRONMAN IN DER KOMFORTZONE

Die erste Disziplin stellt für die meisten Triathleten insgesamt die größte Herausforderung eines Ironman oder Triathlons dar. Das Wasser hat demnach an der persönlichen Zufriedenheit des Athelten, gerade die Herausforderung des Schwimmens gemeistert zu haben, einen entscheidenden Anteil. Dennoch soll es ab jetzt nur noch die Möglichkeit geben, mit seinen Leidensgenossen Händchen haltend ins Wasser zu springen, gemütlichen nebeneinander oder hintereinander zu schwimmen und sich sogar auf der gesamten Strecke gegenseitig zu helfen! Das mag für die meisten Athleten nach traumhaften Bedingungen in einem Ironman klingen. Ich sehe es schon vor mir, wie Triathleten ohne echten Herausforderungen und direkten Konkurrenten in einer störungsfreien Umgebung starten. Ein Rennen in der völligen Komfortzone nur gegen sich selbst und die Uhr, ganz egal was andere Teilnehmer tun.



SICHERHEIT ODER MARKETING-TOOL

In welche Richtung wird sich Ironman mit dieser Maßbnahme wohl in Zukunft entwickeln? War das erst der Anfang und ist die Büchse der Pandora erst einmal geöffnet dann … Nach meiner Meinung sind Rolling Starts einzig ein Verkaufsargument und Marketing-Tool, um auch noch diejenigen von der Couch zu locken, für die das Wasser bisher die größte Hemmschwelle war und einzig für den Lebenslauf diese Herausforderung antreten. Die Vorstellung, an einem Wettkampf teilnehmen zu können ohne dabei tatsächlich in direktem Kontakt mit den Mitbewerbern zu kämpfen, wird einige unbegabte Schwimmer an die Startlinie locken. Es ist offensichtlich, dass diese Maßnahme hauptsächlich dem Zweck dient die Startfelder aufzustocken und so weiter den Umsatz zu steigern. Es mag durchaus legitim sein den Umsatz zu steigern, aber bitte ohne Maßnahmen, die dem Triathlon, einem ehrlichen Wettbewerb und vor allem dem Triathleten schaden. Geht die Entwicklung also weiter in Richtung „Ironman Abenteuer“, wodurch der Wettbewerb unter den ambitionierten Altersklassen Triathleten in die Bedeutungslosigkeit driftet könnte und dann die einzige Herausforderung einzig in der Teilnahme an sich steckt?



FINISH VS DIREKTER VERGLEICH

Natürlich war für die meisten Athleten bei einem Ironman in erster Linie schon immer die größte Herausforderung einfach nur zu finishen! Dennoch verlieren mit der Einführung des Rolling Starts letztendlich wesentlich mehr leidenschaftliche Altersklassen Triathleten die besondere Möglichkeit gemeinsam zu starten und sich in Echtzeit dadurch unmittelbar mit ihren Konkurrenten zu messen. Das ist natürlich meine persönliche Meinung und bisher mein subjektiver Eindruck. Welche Auswirkungen die Änderung des Startmodus tatsächlich auf das 3,8 Kilometer Schwimmen sowie den weiteren Rennverlauf einer Langdistanz haben wird und ob ein Ironman mit Rolling Starts weiterhin die selbe aussergewöhnliche Herausforderung bleibt, davon werde ich mir in Kürze selbst einen objektiven Eindruck machen und von dieser persönlichen Erfahrung wieder berichten.



WELCHE ALTERNATIVEN GÄBE ES ZUM ROLLING START

Hätten die Veranstalter und Ironman selbst tatsächlich die Absicht ihre Langdistanzen im Sinne der Triathleten und sportlichen Fairness weiter zu entwickeln, gäbe es durchaus bessere Möglichkeiten als einen „Rolling Start“. Startwellen nach Altersklassen strukturiert, könnten zum Beispiel den Schwimmstart einer Langdistanz entzerren und würden neben den Interessen der Triathleten auch die der Zuschauer angemessen berücksichtigen.



WAS KÖNNTE UNS IN ZUKUNFT NOCH ERWARTEN

Es läßt sich darüber natürlich vortrefflich spekulieren welche weiteren Veränderungen des Reglements von Ironman zukünftig folgen könnten. Denkt man die bisherigen Entwicklungen weiter, so scheinen manche möglichen Entwicklungen gar nicht einmal so abwägig. Ich hoffe natürlich nicht, dass diese so oder so ähnlich jemals eintreffen werden, denn bisher waren die wenigsten Veränderungen der vergangenen Jahre pro Triathlon und pro Triathlet:

• Änderung der Qualifikationskriterien: Sammeln von Punkten auch für Triathleten der Altersklassen ähnlich der Profis und dem Kona Pro Ranking.
• Einführung eines Kona Age Group Rankings.
• Wenige spezielle Events mit der Möglichkeit zur Qualifikation für Kona.
• Einführung einer dritten Wertungsklasse von Amateuren, ähnlich dem Radpsort.
• Eine eigene Ironman Lizenz, die erst zu einer Teilnahme am Qualifikationsmodus berechtigt, ähnlich nationaler Meisterschaften.


INFORMATIONEN

ARTIKEL „Sollte ich eine Triathlon Langdistanz machen“ von Stefan Drexl
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VIDEO von Ironman France zu Rolling Starts
BEITRAG von Holger Lüning über „Rolling Starts in Ironman “